Eine neue Spur

Schon früh am Morgen liegt in der Schule ein kaum greifbarer Zauber. Das Gerücht um den verschwundenen Weihnachtsstern wirbelt wie ein Schneeflockentanz durch die Klassen – überall wird getuschelt, geraten und fantasiert.

Auch Emmy steckt längst in der Aufregung. In der Pause zieht sie Sophie zur Seite, um ihr die neuesten Gerüchte zuzuflüstern. „Ich habe gehört, dass manche ein merkwürdiges Geräusch aus Richtung des Hauses der Lindners gehört haben“, sagt sie aufgeregt. Allein der Gedanke, dass hinter diesem Geräusch ein Hinweis stecken könnte, lässt ihr Herz schneller schlagen.

Sophie nickt begeistert, ihre Augen funkeln. „Das klingt wirklich spannend! Wir sollten dort unbedingt genauer nachsehen. Und weißt du was? Ich habe gehört, dass auch andere Kinder im Dorf schon nach Hinweisen suchen. Es ist, als würde das ganze Dorf gemeinsam ermitteln!“

Emmy lächelt – überall spürt sie denselben Abenteuergeist. „Vielleicht gibt es irgendwo ein geheimes Zeichen oder ein Rätsel, das wir lösen müssen“, wirft ein Junge ein. „Der Weihnachtsstern könnte an einem verborgenen Ort versteckt sein!“

Dieses Bild entzündet in den Kindern ein prickelndes Gefühl von Erwartung.

Nach der Schule beschließen Emmy und Sophie, gemeinsam loszuziehen. Die Müdigkeit des Lernens ist vergessen, nur Aufregung bleibt.

Kaum biegen sie in die Straße der Lindners ein, bleiben beide wie angewurzelt stehen. Auf dem frisch gefallenen Schnee zeichnen sich dunkle Spuren ab – als hätte jemand den Gartenzaun entlang gescharrt. Die Spur zieht sich in krummen Bögen über den Weg und verliert sich zwischen den Sträuchern am Rand des Grundstücks.

„Hast du das gesehen?“, flüstert Sophie, Gänsehaut auf den Armen. Emmy kniet sich hin, berührt vorsichtig die frische Spur. „Das war erst heute. Der Schnee ist noch ganz locker“, murmelt sie. Ihre Augen wandern entschlossen über das Gelände. „Vielleicht führt sie uns direkt zum Stern…“

Gerade als die Mädchen weitergehen wollen, hören sie das Hupen eines Autos. Sophies Eltern halten am Straßenrand – die Heckscheibe voller Einkaufstaschen. „Sophie, kommst du? Wir wollen gleich essen!“, ruft ihre Mutter freundlich.[ Sophie wirft Emmy einen kurzen Seitenblick zu. „Wir sollten morgen weitersuchen“, sagt sie leise. „Wenn’s heller ist.“

Emmy nickt, auch wenn ihr Herz noch vor Aufregung klopft. „Abgemacht.“

Dann läuft Sophie zum Auto und Emmy bleibt kurz stehen, den Blick auf die geheimnisvolle Spur gerichtet, die langsam vom Schneefall verweht wird.

In ihr wächst die Gewissheit: Morgen werden sie herausfinden, wohin sie führt.

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